Weitere Vorstellungen am Donnerstag und Freitag um 19:30 Uhr in der Kulturhalle an der Edertalschule!
Frankenberg – Wie wunderbar könnte die Welt sein, gäbe es da nicht diesen „Geist, der stets verneint“, wie Mephistopheles in Goethes „Faust“ sagt. Zwischen dem Blick in Abgründe des Bösen in Deutschlands dunkelster Zeit und schillernden Visionen von Liebe und Frieden, Aufbrüche in der Gesellschaft bis hin zur „Wonderful World“ eines Louis Armstrong reichen die bunten Bilder des Bühnenkaleidoskops, das die Theater-AG der Edertalschule in einer großen Gemeinschaftsleistung mit den musischen Ensembles in dieser Woche zum 100-jährigen Bestehen des Frankenberger Gymnasiums präsentiert.
Am Dienstagabend wurde in der Kulturhalle die Premiere der Revue „100 Jahre – und nichts gelernt?“ vom Publikum bejubelt. Zwei weitere Aufführungen folgen (siehe Kasten unten).
Besonders hier, in der ersten Hälfte des Revueabends, entwickelt die Aufführung ihre berührendsten Momente: Gerade, weil die jungen Schauspielerinnen bei der Entwicklung ihrer Szenen die Gefahr von realistischen Handlungsklischees umgangen haben und sich in der Darstellung auf einer eher pantomimisch-abstrakten Ebene nähern, trotzdem Raum lassen für Stille und Herzschlag, aber auch den verzweifelten wie appellierenden Aufschrei, werden die Bilder mehr als nur plakative Schaubühne. Paul Celans „Todesfuge“ und ihrer leise-lyrischen Ästhetik verleihen sie mit ihrer szenischen Inszenierung zupackende Wucht.
Glockenschläge läuten diesen Blick in die Geschichte ein. Mit Mussorgskys Leitmotiv „Bilder einer Ausstellung“ führt das Jugendsinfonieorchester mitten in einen Museumsrundgang hinein, in dem die Theater-AG mit Figuren in Schwarz auf der Bühne selbst entworfene Bilder aus der deutschen Vergangenheit entwickelt, stets begleitet vom teuflischen Vergnügen zweier rothaariger Advokatinnen des Bösen.
Da tauchen sie auf, die Szenen aus den 1960ern mit Jugend-Revolte („Macht kaputt, was euch kaputt macht!“) und Hippie-Kultur („All You Need Is Love!“), aus dem deutschen Alltag mit tradierten Geschlechterrollen und Freund-Feind-Schemata, Reichsbürgern und Aluhüten, aus dem menschenverachtenden System der Nazi-Zeit mit Bücherzerstörung und Selektion an der Rampe.
Alles weit weg von uns? Am Abend der Pogromnacht vom 9. November 1938, so sagt ein Ensemblemitglied, tagten in der Aula der Edertalschule die örtlichen SA-Männer, bevor sie im Anschluss direkt in den Scharwinkel marschierten, dort die Frankenberger Synagoge schändeten und die jüdischen Familienväter zum Transport nach Buchenwald verschleppten. Schüler setzten am nächsten Tag den Vandalismus fort.
Weitere Aufführungen Karten für 9 Euro (6 Euro ermäßigt) gibt es in den Buchhandlungen Jakobi und Hykel, im Sekretariat der Edertalschule und im Lädchen Geismarer Straße. |
Bildunterschriften:
Bild 1:„Alles wird gut“: Nicht nur Abgründe und Aufbrüche in 100-jähriger deutscher Geschichte präsentierten die Mitglieder der Theater-AG, sondern zum Schluss, begleitet von Orchester und Big Band, auch viel Hoffnung und die große Utopie einer friedlichen Welt. Die Darstellerinnen und Darsteller bespielten die Bühne der Kulturhalle raumgreifend mit einer Fülle von selbst entwickelten szenischen und choreografischen Ideen.
Bild 2: Lieder als Lebensgefühl: Der Mittel- und Oberstufenchor spiegelte ihre historischen Inhalte wider mit hoher eigener Identifikation.
Bild 3: Kraftvoller Sound: Die Big Band der Edertalschule hatte im zweiten Teil der Revue „100 Jahre – und nichts gelernt?“ ihren großen Auftritt.
Text und Bilder: Karl-Hermann Völker