30 Jahre Deutsche Einheit: Lehrer Birgit Pabst und Burkhard Wick über den 3. Oktober
HNA vom 03.10.2020
Zum Tag der Deutschen Einheit haben wir mit der Zeitzeugin und Studiendirektorin Birgit Pabst und ihrem Kollegen Oberstudienrat Burkhard Wick von der Edertalschule in Frankenberg über ihre persönliche und fachliche Sicht auf den 3. Oktober gesprochen.
Was bedeutet der 3. Oktober für Sie?
Pabst: Für mich ist es letztlich ein Tag wie jeder andere. Ich feiere ihn nicht – jedenfalls nicht als solchen. Er wird der Familie gewidmet.
Wick: Den Tag an sich verbinde ich mit wenigen Emotionen, vor allem im Vergleich zum 9. November, dem Tag des Mauerfalls von 1989. Für viele Menschen, auch mich, sind mit diesem Moment mehr Gefühle verknüpft.
Wie, wo und mit wem haben Sie damals den Mauerfall erlebt?
Pabst: Ich war mit meinem Mann auf einem Betriebsfest in Leipzig, eine Tanzveranstaltung mit großem Abendessen und Ehrung von Sportlern. Dort hat uns die Nachricht dann ereilt.
Wick: Als damals Neunjähriger kann ich mich an die Details nicht mehr erinnern. Ich weiß noch, mit meinen Eltern die Ereignisse im Fernsehen verfolgt zu haben. In der Form hatten wir das Ganze nicht erwartet. Die Bedeutung des Mauerfalls war mir damals nicht bewusst, auch wenn ich an der Reaktion meiner Eltern verstand, dass es sich um etwas Außergewöhnliches handeln musste.
Wie relevant ist der 3. Oktober im hessischen Lehrplan für den Geschichtsunterricht? Wie gestalten Sie Ihren Unterricht dazu?
Pabst: Der Lehrplan sieht sowohl in der 10. als auch in der 13. Jahrgangsstufe das Thema Deutsche Wiedervereinigung vor. Den Unterricht dazu gestaltet jeder Lehrer nach eigenen Prämissen – zum Beispiel mit Gruppenarbeit, Plakaten und Filmschnipseln. Oft wird „Das Leben der Anderen“ angeschaut. Ich selbst kann immer wieder aus meinem eigenen Erfahrungsschatz erzählen und ältere Schüler fragen mich auch, wie ich die DDR und die Wende wahrgenommen habe. Da kann ich authentisch berichten und sofern das möglich ist, mache ich das auch gerne. Wird es zu privat, sage ich das, was die Schüler auch akzeptieren. Man muss bedenken, dass ich zur Zeit der Wende schon Mutter und Lehrerin war, da geht man bedächtiger vor und auf die Straße, als wenn man jung und mitten in der Sturm- und Drang-Phase ist. So kann ich meinen Schülern nahebringen und erklären, warum ich dieses oder jenes getan oder nicht getan habe.
Wick: Ich zeige im Unterricht gerne eine Reportage, die die Situation der Grenzsoldaten am 9. November 1989 schildert. Die hören da die Pressekonferenz von Herrn Schabowski und warten auf konkrete Anweisungen, die sie nie bekommen. Gefangen in Befehlen, die nicht mehr der Situation auf den Straßen entsprechen – jenseits der großen Politik waren Menschen betroffen, die irgendwie mit dieser Situation umgehen mussten. Außerdem gibt es zwei Veranstaltungen, bei denen die Schüler explizit mit dem Thema in Berührung kommen: In der Jahrgangsstufe 12 findet eine Fahrt nach Berlin statt, da erleben sie am Check-Point Charlie und in der Bernauer Straße den ehemaligen Brennpunkt des innerdeutschen Verhältnisses. In der 13 findet eine Exkursion zum Haus der Geschichte in Bonn statt. Dort wird die Beziehung der zwei deutschen Staaten dargestellt.
Wie gut kennen sich Ihre Schüler mit dem Kapitel der deutschen Geschichte aus? Was für Assoziationen rufen bei ihnen Begriffe wie Mauer, NVA, Stasi, Honecker und NATO-Doppelbeschluss hervor?
Wick: Das sind für unsere Schüler Begriffe wie viele andere, nicht mit Emotionen verknüpft und weit weg von ihrer heutigen Lebenswelt. Ein Kapitel im Geschichtsunterricht, für einige spannend, für andere weniger.
Pabst: Diese Begrifflichkeiten reihen sich ein in die der Weimarer Republik oder des Kaiserreiches. Also es ist für sie tatsächlich Geschichte. Weit weg. Ich denke, dass man, wenn man Schüler fragt, sie nicht in der Lage sind, zu würdigen, dass wir nun tatsächlich 75 Jahre in Frieden leben. Sie nehmen es dankbar und selbstverständlich hin.
Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte in unserer heutigen Gesellschaft und Medienlandschaft ein?
Pabst: Ich denke, dass da noch allerhand zu tun ist. Geschichte ist immer Siegergeschichte. Die Geschichte wird immer aus der Perspektive der BRD beschrieben. Es haben 17 Millionen Menschen in der DDR gelebt, die nicht alle dem Staat treu ergeben waren und erst 89 auf die Straßen gegangen sind. Das muss man genauer unter die Lupe nehmen, was Sache der Geschichtswissenschaft ist. Die kann erst tätig werden, wenn der Abstand größer wird. Nach 30, 35 Jahren lassen sich solche Sachverhalte besser recherchieren und wertneutraler untersuchen, als das nach 20 Jahren möglich war. Es muss noch Zeit vergehen, ehe alle Befindlichkeiten aufgehoben sind. Zum Beispiel sind auch noch Kohl-Akten von der Stasi unter Beschluss und werden nicht rausgerückt. Erst wenn es richtig möglich ist, ohne Rücksicht auf ehemalige Politiker im Osten und im Westen zu forschen, ist das Ganze rundum aufarbeitbar.
Wick: Zeitzeugen zu befragen ist eine ganz wichtige Aufgabe der Geschichtswissenschaft und Thema im Geschichtsunterricht. Ein wichtiger Stichpunkt ist Befindlichkeit. Sie können Zeitzeugen nicht alles fragen, was sie möchten, sonst kann es schnell wie ein Vorwurf klingen. Nach vielen Jahren kann man vielleicht keine Zeitzeugen mehr befragen, dafür unter Umständen schonungsloser forschen. Auf der anderen Seite geht es ja in der Schule auch um Demokratie-Erziehung. Wir haben das Glück, in einer Demokratie und Zeit ohne Krieg zu leben. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie lebt davon, dass Menschen sie aktiv unterstützen und mit Leben füllen. Da mitzuwirken, ist Aufgabe des Geschichtsunterrichts.
Welche anderen Fragen wirft das Thema auf?
Pabst: Welche Chancen sind bei der Wiedervereinigung verpasst worden? Wie hätten bei der neuen Staatsgründung alle mitgenommen werden können? Hätte man die Demokratie sogar verbessern können?
Wick: Was ist mit den Menschen passiert? Wie sehen denn die Leute in Ost und West heute die Wiedervereinigung? Betrachten sie sie noch immer als etwas Trennendes oder als einen Meilenstein der Geschichte? Oder reproduzieren wir gar eine Trennung, wenn wir immer auf dem Thema rumreiten? Das sind Fragen, die gesellschaftlich gelöst werden müssen. Immerhin blicken wir jetzt auf 30 Jahre gemeinsame Geschichte zurück und auf eine gemeinsame Zukunft. Wir wollen keine Trennung mehr.
Text und Foto: Raphael Digiacomo
Bildunterschrift: 30 Jahre Deutsche Einheit: Studiendirektorin und Zeitzeugin Birgit Pabst und ihr Kollege Oberstudienrat Burkhard Wick von der Edertalschule in Frankenberg berichten über ihre Sicht auf den Tag der Deutschen Einheit und dessen Rolle im Unterricht. Von widersprüchlichen Gefühlen, Hoffnungen und Enttäuschungen und der Einsicht, dass Geschichte immer von Siegern geschrieben werde.
Schulsanitäter an der Edertalschule leisteten ihren 500. Einsatz
HNA vom 22.09.2020
Sie kleben Pflaster auf aufgeschlagene Knie, kümmern sich um Fünftklässler, die vor einer Klassenarbeit Bauchweh haben, aber auch um eine Bastelschere, die schon mal in einem Unterarm steckte: die Schulsanitäter der Frankenberger Edertalschule. Unter der Regie ihres Lehrers und Ausbilders Andreas Pigulla haben die Jugendlichen in ihren roten Jacken kürzlich ihren 500. Einsatz geleistet. Nuriel Gessa (Jahrgangsstufe 9), Tobias Schicke und Linus Neuhaus (beide Stufe 10) haben gerade Tagdienst. Das heißt, die gut ausgebildeten Schüler sitzen mit Walkie-Talkies im Unterricht und können jederzeit zu Einsätzen gerufen werden. In den großen Pausen ist zusätzlich der Sanitätsdienstraum geöffnet. Lehrer Andreas Pigulla, selbst ausgebildeter Rettungssanitäter, hatte den Sanitätsdienst an der Edertalschule vor sechs Jahren ins Leben gerufen. „Für die ersten 15 Plätze gab es 64 Bewerber. Wir mussten losen – und so ist es eigentlich bis heute geblieben“, lacht Pigulla. In der Stufe 8 stellt Pigulla die Aufgaben des Schulsanitätsdienstes vor. Nach einer gründlichen Ausbildung in Erster Hilfe gehören die Neuen dann zum Team von aktuell 25 Schulsanitätern. Anfangs seien viele Schüler etwas zurückhaltend, berichtet Pigulla. „Aber nur ein Jahr später sind das ganz andere Menschen mit einem wahnsinnigen Zuwachs an Selbstvertrauen.“ Das ist das erklärte Ziel der Schule: „Wir wollen hin zu einer Kultur des Helfens und Hinschauens“, sagt Pigulla, der selbst über viele Jahre im Rettungsdienst gearbeitet hat. Mit dem Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Frankenberg, hat die Edertalschule einen kompetenten Kooperationspartner. „Vom DRK bekommen wir Materialspenden, wir haben auch zusammen schon ein Behelfslazarett aufgebaut“, erzählt Pigulla. Seine drei Schulsanitäter Tobias Schicke, Nuriel Gessa und Linus Neuhaus haben sich in ihrer Freizeit der DRK Bereitschaft angeschlossen und bilden sich dort weiter. „Die Arbeit ist spannend, mir gefällt die Teamgemeinschaft“, sagt Schicke. Und: „Ich fühle mich so viel sicherer.“ Nach einem „echten“ Notfall war Andreas Pigulla zu Recht stolz auf seine Jungs: Mit Verdacht auf Schlaganfall war ein Mann auf dem Schulgelände kollabiert. Linus Neuhaus war als Ersthelfer zur Stelle und orientierte sich bei der Notfall-Anamnese am „ABCDE-Schema“ des Rettungsdienstes. „Linus hat eine sehr professionelle Übergabe gemacht“, lobt Andreas Pigulla. „Die Leute vom Rettungsdienst wussten sofort, worauf sie bei dem Patienten achten müssen“, berichtet auch Linus Neuhaus ein bisschen stolz. Hilfreich war es sicher auch, dass sich Schulsanitäter und Rettungsdienst-Mitarbeiter bereits aus gemeinsamen Übungen kannten. Tobias, Nuriel und Linus können sich durchaus vorstellen, später einmal – vielleicht während des Studiums – im Rettungsdienst zu arbeiten. Sie wären nicht die ersten Edertalschüler, die diesen Weg einschlagen. Einer seiner ehemaligen Schulsanitäter habe es bis zum Lufthansa-Piloten gebracht, erzählt Lehrer Pigulla. Ihm kommt es auf die „soft skills“ - an, also auf die so genannten weichen Charaktereigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Teamfähigkeit oder Flexibilität. Diese „soft skills“ prägen nicht nur das Klima einer Schule – sie haben auch im späteren Berufsleben noch niemandem geschadet.
Bildunterschrift:
Schulsanitätsdienst an der Frankenberger Edertalschule: (von links) Tobias Schicke, Nuriel Gessa und Linus Neuhaus messen bei ihrem Lehrer und Ausbilder Andreas Pigulla (sitzend) den Blutdruck – natürlich nur für das Foto.
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