„Wir kriegen fast jeden“ (HNA, 03.03.2017)
DNA-Analytiker Dr. Harald Schneider berichtete Edertalschülern von seiner Arbeit
„Wenn ich aus großer Entfernung mit einem Gewehr jemanden erschieße – dann haben Sie doch eigentlich keine Chance, mich zu fassen, oder? DNA findet man dann ja nicht am Tatort.“ Auch bei dieser Frage eines Oberstufen-Schülers der Frankenberger Edertalschule war Dr. Harald Schneider nicht um eine Antwort verlegen: „Ich werde Ihnen keine Tipps für das perfekte Verbrechen geben. Lernen Sie etwas Vernünftiges“, sagte der Leiter der DNA-Analytik beim Landeskriminalamt Wiesbaden mit einem Augenzwinkern. Wie die meisten Täter kehrte der in Battenberg lebende Molekular-Biologe kürzlich an seinen „Tatort“ zurück: die Edertalschule, wo er selbst das Abitur abgelegt hat und nun alle zwei Jahre den Biologie-Schülern von seiner Arbeit beim LKA berichtet. Stichwort: genetischer Fingerabdruck. Schneider hilft, Verbrecher zu überführen. Die DNA sei nicht nur häufig der wichtigste Beweis in Strafverfahren wegen Mordes, Vergewaltigung oder Einbruch. „Mindestens ebenso wichtig ist, dass damit viele zu Unrecht Verdächtigte oder Verurteilte entlastet werden können.“ Besonders in den USA gebe es immer wieder Fälle, bei denen Unschuldige jahrzehntelang im Gefängnis gesessen hätten und nun dank der neuen Technologie rehabilitiert werden könnten. Außerdem seien DNA-Analysen in der Behandlung von Tumoren eine immer größere Hilfe. Der LKA-Mann brachte den Schülern die Theorie mit Beispielen aus seinem Arbeitsalltag nahe. Dabei ging er auch auf Morde in Kassel und Bad Wildungen ein. Schneider zeigte Fotos von Tatorten, auf denen von manchen Leichen mehr zu erkennen war, als dem einen oder anderen Schüler lieb war. Gerade das habe den Vortrag so lebendig gemacht, meinten viele. Fast schon drehbuchartig war der lokale Bezug beim letzten der „Brummi-Morde“, bei dem der Täter auf der Fahrt von Kassel nach Dillenburg alle paar Kilometer einzelne Kleidungsstücke seines Opfers aus dem Auto warf. Das Handy der 18-Jährigen wurde nur wenige hundert Meter von Schneiders Haus entfernt am Ufer der Eder gefunden. „Das zeigt, dass solche Dinge nicht so weit weg von uns sind, wie wir das gerne hätten“, sagte er. Gegenwärtig ist Schneider unter anderem mit einem Mord in Offenbach beschäftigt, bei dem vor zwei Wochen eine 40-jährige zweifache Mutter auf offener Straße erschossen wurde. Was das vermeintlich perfekte Verbrechen anging, musste Schneider den Schülern übrigens die Illusionen nehmen: „Wenn wir keine DNA finden, können wir vielleicht die Patronen einer Waffe zuordnen, die früher schon mal benutzt wurde. Oder es gibt doch Zeugen. Früher oder später kriegen wir fast jeden.“
Dieser Fall wurde weltweit beachtet
Die Arbeit von Harald Schneider beschränkt sich nicht immer auf Hessen. So gab er zum Beispiel beim Mordfall Mirco, der 2010 wochenlang bundesweit Schlagzeilen machte, den Kollegen in Nordrhein-Westfalen den entscheidenden Hinweis, der den Täter überführte. Weltweit für Aufmerksamkeit sorgte 1993 der Fall Elora McKemy: Die zweijährige Tochter eines in Darmstadt stationierten US-Soldaten wurde nachts aus der Wohnung ihrer Eltern im US-Militärkomplex entführt und am nächsten Morgen einige hundert Meter entfernt an einem Eisenbahndamm gefunden. Sie war brutal vergewaltigt und ermordet worden. Weil sich niemand vorstellen konnte, wie das Mädchen nachts unbemerkt hatte entführt werden können, wurde der Vater verdächtigt. Er fiel bei einem Lügendetektortestdurch, was in den USA zu dieser Zeit als Schuldbeweis galt. Aber: Seine DNA passte nicht. „Dieser Fall ist mir wirklich nah gegangen. Das Kind war damals so alt wie meine eigene Tochter“, erinnert sich Schneider. Um den Fall aufzuklären, tat er etwas, das bis dahin weltweit noch niemand versucht hatte: Bei einem Massenscreening überprüfte er mit seinem Team die DNA von fast 1900 Männern, die in der besagten Nacht in der Nähe des Tatortes waren. „Viele Kollegen haben mich für verrückt erklärt. So viele Proben hatte noch nie jemand gleichzeitig analysiert, und bei der Polizei gab es dafür noch gar keine Datenbank.“ Doch er hatte Erfolg – auch weil 1500 US-Soldaten freiwillig teilnahmen. Einer der Soldaten stellte sich als Täter heraus – und bekam nach US-Militärrecht drei Mal Lebenslänglich – je 50 Jahre.
„Wie schnell man falsche Schlüsse zieht“
Nicht verschweigen möchte Harald Schneider die Probleme, die die Verwertung von DNA-Spuren bei der Aufklärung von Verbrechen mit sich bringen kann. DNA bezeichneten Kritiker gerne mal als die Abkürzung für die englischen Worte „Do not ask“ (nicht nachfragen), so Schneider. „Ich hatte einen Fall, in dem nach einem Raubmord die DNA eines Mannes am Tatort gefunden wurde, der bereits wegen Raubes vorbestraft war und deswegen in der DNA-Datenbank gespeichert war.“ Es gab aber einen Zeugen, der die Tat aus einiger Entfernung fotografiert hatte. „Auf dem Bild war eindeutig zu sehen, dass der Mörder weiß war. Der Mann, dessen DNA sichergestellt wurde, war aber farbig.“ Außerdem hatte er ein Alibi. Somit kam er als Täter nicht mehr in Frage. „Wenn er weiß gewesen wäre und kein Alibi gehabt hätte, wäre er aber wohl auf jeden Fall angeklagt worden. Für eine Verurteilung hätte es wahrscheinlich nicht gereicht – aber das zeigt, wie schnell man falsche Schlüsse ziehen kann“, sagt Schneider. Wahres Kopfzerbrechen bereitete Kriminologen außerdem eine vermeintliche Serie von Verbrechen, die gar nicht zueinander passen wollten: Bei über 40 Fällen mit verschiedensten Straftatbeständen in Deutschland und Österreich, unter anderem beim Polizistenmord von Heilbronn 2007, wurden die DNA-Spuren einer Frau gefunden. Irgendwann stellte sich heraus: Es handelte sich um die DNA einer Verpackungsmitarbeiterin, die an der Herstellung von Wattestäbchen beteiligt war. Die werden an Tatorten zur Spurensicherung verwendet. „Außerdem ist die Auswertung von DNA-Spuren sehr zeit-, kosten- und personalintensiv. Und man weiß eben nie, ob die sichergestellten Spuren für die Tat von Bedeutung sind“, sagt Schneider.
Zur Person
Dr. Harald Schneider stammt aus Battenberg, wo er noch heute wohnt – allerdings nur am Wochenende. In der Woche lebt der 55-jährige Molekular-Biologe in Wiesbaden, wo er beim Landeskriminalamt (LKA) die DNA-Analytik leitet. Diese hat er selbst maßgeblich aufgebaut. Als er 1991 zum LKA kam, hatte seine Abteilung drei Mitarbeiter – heute sind es rund 60. Schneider ist verheiratet und hat zwei Kinder. Früher hat er beim TSV Battenberg bis zur Oberliga Fußball gespielt, heute bleibt ihm für Hobbys neben Familie und Beruf kaum noch Zeit.
DNA-Analyse in fünf Schritten
1. Spurensuche: Diese erfolgt entweder direkt am Tatort oder später im Labor.
2. Spurencharakterisierung: Hierbei muss zum Beispiel geprüft werden, ob es sich bei Blut tatsächlich um menschliches und nicht etwa um tierisches handelt. Schneider: „Manchmal ist es auch einfach nur rote Farbe.“
3. DNA-Extraktion: „Das muss man sich das vorstellen wie eine Waschmaschine: Die Spur kommt in ein Mikrogefäß, es werden Flüssigkeit und einige Enzyme hinzugegeben und das DNA-Material wird aus der Zellmasse herausgewaschen.“
4. PCR-Analyse: Die Menge an DNA, die in einer Spur nachzuweisen ist, ist viel zu gering für eine direkte Analyse. Deswegen werden die für die Untersuchung relevanten Abschnitte der DNA zunächst millionenfach vermehrt, um sie für die Erstellung der „genetischen Fingerabdrücke“ verfügbar zu machen.
5. Bewertung: Bei einer DNA-Analyse werden von hunderten von Spuren Abschnitte vermessen. „Diese Messung, die Bewertung und die Interpretation der Befunde übernehmen heute routinemäßig Computerprogramme“, so Schneider.

