Kampf gegen Zeit-Diebe (HNA, 08.05.2015)

Kampf gegen Zeit-Diebe (HNA, 08.05.2015)

Neues Spiel, neuer Regisseur, neuer Ort – voller Erfolg für junge Schauspieler

kampf gegen zeit diebe hna 08 05 2015Wie Mehltau legt sich die Macht der grauen Zeit-Diebe auf die Stadt, aus ihrer pittoresken Silhouette werden uniforme Rechtecke, die grellblaue Uhr zählt digital Sekunden – für grellbunte, unbeschwerte Kinder endet eine fröhliche Welt. Auf der Bühne der alten Thonet-Werkshalle entwirft die Theater-AG der Edertalschule in ihrer neuesten Produktion dieses Schreckenszenario nach Motiven des Romans „Momo“ von Michael Emde und macht schon im Untertitel klar: „(k)ein Kinderstück“, sondern mögliche Gegenwart. Beklommenheit beim Publikum, aber auch viele Blumenfunken Hoffnung, unbändige Spielfreude, glanzvoller  Bühnenzauber – am Schluss gab es langen, herzlichen Beifall und Dank von Schulleiter Stefan Hermes. Es war ein mutiger Neustart auf allen Ebenen, den die jungen Schauspieler des Frankenberger Gymnasiums dabei hinlegen mussten: Thorsten Jech übernahm die  Nachfolge des langjährigen Regisseurs Paul Möllers, die Firma Thonet bot nach dem Ende  des Dampfmaschinenmuseums der Theater-AG ihre Fabrikhalle („mit viel Charme“, so Jech) als neue Spielstätte an, Tribünen mussten gebaut werden, und ein erweitertes Team mit 30 Darstellern entwickelte aus dem Kinderbuch von 1973 mit vielen Ideen sein ganz eigenes Stück. Der verlässliche Stab von Technikern in roten Overalls bekam Hilfe durch zahlreiche ehemalige Mitglieder der Theater-AG. Heraus kam ein atmosphärisch dichtes Tableau und eine Choreografie, die die Bühne bis in den Zuschauerraum hinein ausnutzte, das Thema „Zeit“ und Neoliberalismus mit vielen Regieeinfällen illustrierte (Zeitraffer, Zeitlupe, Standbilder...). „Chaos, Chaos, Zeit, Zeit!“ skandierten die Grauen Damen und Herren, die in ihren Uniformen und fahlen Gesichtern über die Bühne hasteten. Eindrucksvoll, wie diese Vertreter der „Time Investment Bank“ mit einer Schautafel dem geduldigen Friseur Fusi die Sekunden seines Lebens vorrechneten. Erschreckend die Kälte, mit der zeitsparinfizierte Erwachsene den Kindern („Tagediebe und Faulenzer!“) statt Zuwendung nur noch Handys zustecken. Bleibt ihnen die gute, alte Puppe? Sie heißt inzwischen „Bibi-Girl“ und kann sprechen – mit seelenloser Automatenstimme.  Die Inszenierung hat ihre großen Momente, wenn Ensembleleistung gefragt ist: wenn Fremdenführer Gigi noch unbeschwert Touristen führt, wenn uniforme Menschen mit QR-Codes auf der Brust Kantinenessen fassen, später die Kinder mit Momo den Aufstand wagen. Das Mädchen Momo, die Hauptfigur, ist mehrfach besetzt: Gleich sechs Darstellerinnen ziehen sich abwechselnd die „Momo-Jacke“ an und sorgen dabei  für unterschiedliche Facetten von Wärme und Mitmenschlichkeit, verhindern allerdings auch die eindeutige Identifikation mit dieser Figur. Bewusst? Tröstlich wäre ja die Utopie: Wir alle sind Momo.

Die Mitwirkenden
Sie wirken mit beim Theaterstück „Momo“, teilweise in Mehrfachbesetzung, als
Momo: Daniel Neuhaus, Cecilia Feisel, Larissa Beckmann, Ilka Homberger, Sophie Krüger und Ria Koge.  Kassio/Emily: Amrei Göbel, Peia/Jessica: Alina Feindor, Leonie: Julia Madlen Engel, Bibigirl/Lara: Jana Rühle, Chantal: Zoe Hartmann, Yussuf: Faissal Sharif. Als Graue Damen und Herren: Chiara Weber, Vivien Graßhoff, Johanna Hering, Liane Bergener, Viktoria Pärnt, Julius Engelbach, Nils Funke, Lukas Fock und Felix Lichtenberg. Die Erwachsenen: Mirco Bienhaus, Viktoria Pärnt, Johannes Bremmer, Tim Meiser, Marte Kramer, Sven Womelsdorf, Jannik Balzer, Nosa Debus, Lukas Fock, Manuel Cronau, Julia Madlen Engel, Marcelo Garcia, Liane Bergener und Johanna Hering.