Sieg dank Erfahrung und Tiefe (wlz-fz, 12.01.2015)

Sieg dank Erfahrung und Tiefe (wlz-fz, 12.01.2015)

Marburger gewinnt den Poetry Slam der Theater-AG der Edertalschule

poetry slam theater ag wlz fz 12 01 2015Wer bei einem Poetry Slam auftritt, muss gleich mehrere Herausforderungen meistern: Er muss seine Gedanken formulieren können, diese Texte überzeugend und flüssig vortragen - und diese auch noch vom Publikum bewerten lassen. Beim Poetry Slam im Klimperkasten stellten sich acht Nachwuchs-Poeten diesen Aufgaben.
Ein Poetry Slam zeigt nicht nur die Bandbreite des Könnens der „Slammer“, sondern gibt auch immer einen Einblick in deren Gedankenwelt, ihre manchmal philosophischen Ansätze, ihre Fragen und Antworten, ihre Sehnsüchte und Sorgen. Beim neunten Poetry Slam der Theater-AG der Edertalschule am Freitag behandelten die meisten Beiträge bedeutende Fragen des Lebens - aber es gab auch etwas zu lachen. Acht Poeten waren angetreten: sieben Nachwuchs-Texter aus dem Frankenberger Land und Domenik Rinkart aus Marburg, der am Ende des Sieg davontrug. Er hatte einen spürbaren Erfahrungs-Vorsprung vor den anderen Slammern und war der einzige, der einen längeren Beitrag komplett ohne Manuskript präsentierte. Außerdem bewies er sowohl in der ersten Runde als auch im Finale Tiefe und zog das Publikum mit seinen Worten in den Bann. Allerdings hatte er einen starken Gegner im Finale: Julius Engelbach hatte in der ersten Runde mit seinem humorvollen, überspitzten, aber sehr gesellschaftkritischen Beitrag die meisten Punkte von der Jury gesammelt. Diese bestand aus sieben Männern und Frauen aus dem Publikum, die für jeden Beitrag bis zu zehn Punkte vergeben durften. Die höchste und die niedrigste Punktzahl wurde jeweils nicht gewertet. Über den Sieger im Finale entschied das Publikum. Engelbach bekam von Mode-rator Ostrowski schon Vorschusslorbeeren – die sich als gerechtfertigt erwiesen. Unter dem Titel „Es ist nicht wichtig“ ging er mit Ironie, Humor und Energie auf den „Beautyismus“ von Detlef D. Soost und Heidi Klum ein. Die höchstmögliche Punktzahl – 50 – bekam er von der Jury. Vier Punkte weniger sammelte der spätere Sieger. Domenik Rinkart rezitierte seinen gereimten Text über Weisheiten, die er bei Begegnungen im Park von verschiedenen Menschen erfährt, als tatsächlichen Slam: Ohne Manuskript, eindringlich und mit Blick ins Publikum. Im Finale kamen Rinkart zwei Faktoren zugute: Einerseits seine Erfahrung, aber auch die Qualität seines Textes. Während Julius Engelbach in seinem zweiten Beitrag über seine Gefühle während einer Mathe-Klausur vor allem bei den Schülern im Publikum Begeisterung hervorrief, hatte sich Rinkart für einen Text entschieden, der die Entwicklung eines verprügelten Kindes hin zum Neonazi aufzeichnet, der später Abschied von der Szene nimmt und einen tragischen Tod stirbt: ein Opfer wird Täter und wieder Opfer. Rinkart sprach aus der Sicht eines Journalisten, was gerade am Tag nach dem Angriff auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris eine besondere Wirkung erzielte. Mit anhaltendem Applaus machte ihn das Publikum zum Sieger. Aber auch die anderen Nachwuchs-Poeten erhielten viel Beifall. Nachdem Thorsten Jech, Leiter der Theater-AG der Edertalschule, den Slam eröffnet hatte, übernahm Moderator Christopher Ostrowski: „Jeder, der heute auftritt, hat eine Höllenangst“, bat er die zahlreichen Zuhörer im Klimperkasten um Respekt. Carolin Renner sprach in ihrem Beitrag „Der Abschied – zwischen weinenden und lachenden Augen“ über Lebenszeit und Ewigkeit, und über die Dinge, die nie mehr nachgeholt werden können. Sandra Wilhelm trat als nächste an. Sie hatte – passend zur Jahreszeit – einen Text über gute Vorsätze vorbereitet und zog an dessen Ende die Bilanz: „Ich muss einfach nur tun, was gerade am wichtigsten ist“.Carina Renner brauchte kein Manuskript. Sie hatte sich nicht für einen Text, sondern für ein Gedicht mit dem Titel „Ich wär‘ so gern ein Stern“ entschieden. Blinera Recica hatte sich von einem Zitat von Mutter Teresa inspirieren lassen: „Das Leben ist ein Traum – verwirkliche ihn“. In ihrem Beitrag ging sie unter anderem auf falsche Entscheidungen ein, die an die richtigen Orte führen. Maximilian Reese – der Gewinner des ersten Poetry Slams der Edertalschule – hatte seinen Beitrag „Die rote Pille wieder auskotzen“ genannt. Die rote Pille ist ein Symbol aus dem Film „Die Matrix“. Wer sie schluckt, lässt sich auf die schreckliche Realität ein, wer die blaue nimmt, gelangt in ein unwissendes, aber angenehmeres Leben. Reese zog Parallelen zum christlichen Glauben und dem Atheismus, machte seine Sehnsucht nach der kindlichen Naivität deutlich und ging auf die Sinnlosigkeit des Daseins und die Trostlosigkeit der Wis-senschaft ein, wonach der Mensch nicht mehr ist als ein vergängliches organisches Kon-strukt. „Ein Zurück in die Matrix ist mir unmöglich.“Als letzter Poet vor dem Finale trat Pierre Zissel an. Sein Beitrag „Mein Song“ endete mit halb gesungenen englischen Zeilen – gerade noch im Rahmen der Regeln, wie Ostrowski betonte. Zissel hatte die Macht und Kraft von Worten in den Fokus seiner Gedanken gerückt. Am Ende gab es noch mal viel Applaus für alle Poeten – und das Versprechen von Ostrowski, dass dies nicht der letzte Slam der Theater-AG war.