„Freiheit, das Einzige was zählt“ Bericht zur Premiere (HNA, 20.03.2026)
Theater AG feierte Premiere mit Eigenproduktion von Orwells „Farm der Tiere“
Als sie an der Edertalschule mitder Planung ihres diesjährigen Stücks „Farm der Tiere“ nach der Fabel George Orwells von 1945 begannen, ahnten die jungen Theaterleute nicht, wie aktuell es bis zur Premiere am Mittwochabend werden würde. „Man könnte meinen, die ganze Welt spielt verrückt. Wohin wir auch schauen, sehen wir das Anwachsen autoritärer Strukturen, die Welt wird zum Spielball interessengeleiteter Politik der Großmächte“, schrieben die Akteure der Theater- AG in ihr Programmheft. Und dann hört man auf der dunklen Bühne ihre Stimmen, ihre Ängste, verfolgt die Szenen einer blutig unterdrückten Revolution, sieht Bilder ihrer Wünsche, ihrer Träume, nimmt Teil an ihrer Selbstreflexion: Was hat das alle mit mir zu tun? Was kann ich tun für die Demokratie? Das Publikum folgte de
r von großer Glaubwürdigkeit und persönlicher Betroffenheit, aber auch von spektakulären Bühneneffekten und Choreografien getragenen Inszenierung der Schüler gebannt und solidarisierte sich am Schluss mit dem Anliegen der jungen Darsteller durch langen, jubelnden Applaus im Stehen. Ja, Orwells Geschichte von den Tieren, die sich vom ausbeuterischen Farmer Jones durch eine Rebellion befreien, ein kollektives System mit eigenen Regeln errichten („Alle Tiere sind gleich …“), dann von einer autoritären Clique dicker, schlauer Schweine mit einem neuen Herrschaftssystem („… aber manche sind gleicher“) und neuen Normen (Hühner: „Pro Woche 400 Eier!“) überzogen werden, wird von den Theaterleuten in ihrer Produktion gekürzt, mit angedeuteten Masken und sparsamen Kostümen erzählt. Aber es sind von Beginn an vor allem ihre starken eigenen Worte, Ideen, Bilder, Projektionen, Schattenspiele, Rap-Songs und Videos, die diese Inhaltlichkeit erweitern, mit Texten, Arbeiter- und Partisanenliedern an Geschichte erinnern und mit Leinwandszenen die aktuellen Autokratien einer „Mad World“ spiegeln. Dazu gehört auch eine groteske Therapiesitzung mit den Herrschern dieser Weltmächte. Vorstellbar wird beim Zuschauen, wie die AG-Mitglieder in einem Werkstattprozess über Wochen die großen Choreografien ebenso wie jedes kleine Detail des Stücks entwickelt, verworfen, geändert, beschlossen haben müssen, begleitet und beraten von den Theaterpädagogen Thorsten Jech und Daniel Herbrich. Die Akteure schildern ihre eigenen Erfahrungen mit Demonstrationen und Staatsgewalt, problematisieren die Wiederaufnahme der Wehrpflicht und greifen die Rolle der sozialen Medien bei der Meinungsbildung in der Jugendszene an. Dies alles bieten sie in Form einer Collage von Szenen im zweiten Teil des Abends, nun abgeschminkt und in schwarzen Kostümen. Zwischen Biss, warnender Kritik und manchmal überbordender Groteske zeigen die Schüler immer wieder kurze, ruhige Phasen des Glücks, lyrische Mondaufgänge, vor allem aber: Wie man singend, rappend, tanzend gemeinsam stark sein kann. Berührend gerät so auch die Schlussszene: Sie summen leise, von Geige und Gitarre bescheiden orchestriert, das alte Lied von Marius Müller- Westernhagen „Freiheit“ (1987), steigern sich kraftvoll in „Freiheit ist das Einzige, was zählt“. „Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder diegleichen Rechte hat und seine Interessen ausleben kann“, war eine der vielen Forderungen, die sie zuvor an Demokratie formuliert hatten. Es gab am Ende des beeindruckenden Premierenabends Blumen für die Spielleiter Jech und Herbrich, Dank von Schulleiter Markus Koch an alle Mitwirkenden, Unterstützer und Techniker für ein „hochpolitisches, ebenso charmantes wie bissiges Theaterstück“. Die Inszenierung wird noch einmal heute und morgen jeweils ab 20 Uhr auf der Bühne der Frankenberger Kulturhalle zu sehen sein. Karten gibt es an der Abendkasse. Am heutigen Freitag ist das Publikum anschließend zu einer Nachbesprechung mit den jungen Theaterleuten eingeladen.
Text und Fotos: Karl-Hermann Völker, HNA vom 20.03.2026
Weitere Fotos gibt es online auf zu.hna.de/theaterag2026
Mitwirkende bei „Farm der Tiere“
Zur hervorragenden Ensemblewirkung der Theater-AG trugen mit ihren Einzelleistungen bei: Ronja Kraus (Napoleon), Merle Bremerich (Schwatzwutz), Jakob Doss (Schneeball), Kilian Schullerus (Pferd Boxer), Lana Boeck(Pferd Mollie-Clover), Adrian Baier (Esel Benjamin), Melvin Schoenewolf (Rabe Moses), Luna Vedder, Sarah Starker, Jakob Doss (Hühner), Jana Sauer, Sophia Wittig (Schafe), Mikail Efe Kaya (Hund) und Madita Müller (Katze). Nisa Dasdemir, Laura Derksen, Katharina Eckel, Tom Förtsch, Moritz Junker, Fiete Kromberg, Marie Pohl und Lena Rudolph (Technik). Spielleitung: Daniel Herbrich und Thorsten Jech. (zve)
Bildunterschrift, Bild 1:
Freiheit,das Einzige was zählt: Das bekannte Lied von Marius Müller-Westernhagen stand am zweiten Teil des Theaterabends wie ein Leitmotiv über der Inszenierung, nachdem die jungen Darsteller Masken und Kostüme abgelegt hatten und nun ganz in Schwarz ihre Fragen an Staat und Gesellschaft stellten.
Bildunterschrift, Bild 2:
Unter einer Decke machten es sich die Schweine gemütlich, während die anderen Tiere hungerten.
Bildunterschrift, Bild 3:
Bezüge zur Gegenwart: Videozitate auf der Großleinwand zeigten, wie bedroht Demokratie aktuell wieder überall in der Welt ist.
Bildunterschrift, Bild 4:
Die blutige Schürze war sichtbares Zeichen, was den Tieren der Farm nach missglückter Revolution durch die neue Herrscherkaste der Schweine drohte.





