Interview mit Laura Bradschetl
HNA, 27.6.2020:
„Die Prüfungen liefen bei mir sehr gut“, sagt Laura Bradschetl über die Abschlussklausuren an der Edertalschule, über die im Vorfeld wegen der Corona- Einschränkungen viel diskutiert worden war. Mit der Durchschnittsnote 1,1 war die 18-Jährige aus Burgwald in diesem Jahr die beste Abiturientin in Frankenberg. Nicht nur wegen ihrer Note sei sie froh, dass Hessen das Abitur trotz der Corona-Pandemie durchgezogen hat, sagt sie im Interview. Dass aber der Abiball und andere geplante Veranstaltungen des Abschlussjahrgangs ausfallen, sei „mega schade“.
Sie haben Ihr Abi mit 1,1 gemacht – sieht nicht so aus, als hätten Ihnen das Homeschooling und die Corona-Einschränkungen etwas ausgemacht, oder?
Mir fällt das Lernen recht leicht, ich kann mir Dinge gut merken. Mir hat geholfen, dass wir wegen Corona vor den Prüfungen keine Schule hatten, sondern viel Zeit zum Lernen. Vor allem die anderthalb Wochen vor den Klausuren waren gut.
Wie war es für Ihre Mitschüler?
Die Situation war vor allem vor der ersten Klausur in Englisch schwierig, weil wir bis zwei Tage vorher nicht genau wussten, ob wir schreiben und wie. Es gab ja auch Berichte aus anderen Bundesländern, die ihre Abi-Prüfungen verschoben haben.
Mit Ihrer Note haben Sie sicher wenig zu klagen, aber finden Sie es richtig, dass Hessen das Abitur trotz Corona durchgezogen hat?
Ja. Ich bin sehr zufrieden mit der Entscheidung. Die Schulleitung und alle, die an der Organisation beteiligt waren, haben das sehr gut geregelt und ein gutes Klima geschaffen. Wir haben uns wohlgefühlt.
Wie haben Sie die vergangenen drei Monate insgesamt empfunden?
Es war eine ungewöhnliche Zeit, nicht nur, weil der Schulalltag ganz anders war und man seine Freunde nichtsehen konnte. Ich konnte auch meine Hobbys nicht machen.
Wie sah Ihr Alltag im Homeschooling aus?
Ich bin nicht wie sonst um 7 aufgestanden, sondern habe eher in den Tag hineingelebt. Ich habe mir aber immer etwas für den Tag vorgenommen, zum Beispiel Abitur-Vorschläge der vergangenen Jahre durchzuarbeiten. Die kann man bei Verlagen bestellen. Von der Schule gab es in dieser Zeit keine Aufgaben für uns Abiturienten, wir konnten frei lernen. Und wir konnten uns bei den Lehrern melden, wenn wir Fragen hatten.
Ärgern Sie sich, dass Sie die Note 1,0 im Abitur knapp verpasst haben?
Gar nicht. Eine 1,0 war nie mein Ziel. Ich bin sehr froh über den Durchschnitt von 1,1, das hätte ich nicht erwartet. Ich hatte mir eigentlich einen Schnitt von 1,4 oder 1,5 in den Kopf gesetzt. Die Prüfungen liefen bei mir dann aber sehr gut.
Die Zeugnisse wurden nun am Donnerstag auf dem Sportplatz der Edertalschule übergeben. Wie sehr schmerzt es, das Abitur nicht wirklich feiern zu können und keinen emotionalen Abschied von der Schule zu haben?
Das ist mega schade, wir sind echt traurig darüber. Der Abiball, der Abstreich und die Mottowoche sind ausgefallen. Wir hatten schon Abi-Pullis und -T-Shirts gekauft, aber alles andere, was geplant war, ist ins Wasser gefallen. Einige von uns wollten nach dem Abi zusammen nach Lloret de Mar in Urlaub fahren, auch der wurde storniert. Man hatte nie das Gefühl: Jetzt ist es rum! Wenn wir nächstes Jahr unsere Feier nachholen können, wird es anders sein, eher wie ein Treffen. Wir planen schon etwas und hoffen, dass es stattfinden kann. Statt des Abiballs war die Zeugnisübergabe am Donnerstag für uns der Abschluss, aber eben kein richtiger. Das fühlt sich eher an wie Ferien.
War die Zeugnisübergabe am Donnerstag trotzdem ein passender Abschied von der Schule?
Wir hatten eine sehr schön gestaltete Open-Air-Feier auf dem Sportplatz mit schönen Reden, Musik vom Orchester und festlicher Stimmung. Es hat nichts gefehlt. Die Lehrer haben uns noch mit Heliumballons überrascht, die wir am Ende zusammen steigen lassen konnten. Wir sind alle sehr dankbar, dass uns so ein schöner Abschluss möglich gemacht wurde.
Wie geht es für Sie persönlich weiter? Mit der Note 1,1 stehen Ihnen doch sicherlich alle Türen offen.
Ich würde gerne im Wintersemester in Marburg ein Chemie-Studium beginnen, also ab Oktober. Ich bin mir noch nicht sicher, in welche Richtung es gehen wird – nicht auf Lehramt, eher in Forschung oder Industrie. Für die Bewerbung habe ich noch auf mein Zeugnis gewartet. Ich bleibe also erstmal hier – mal gucken, wohin mich die Wege führen.
Gibt es an der Uni noch Einschränkungen wegen Corona?
Ich glaube, da findet vieles noch digital statt. Viele Unis bieten demnächst aber wieder Präsenzzeiten an, zumindest für Labor-Praktika wie in Chemie.
Und was machen Sie bis zum Studienbeginn?
Ich werde versuchen, ein paar Verwandte zu besuchen. Urlaub ist nicht geplant. Ich gehe meinen Hobbys nach und jobbe nebenbei.
Zur Person
Laura Bradschetl ist 18 Jahre alt und kommt aus Burgwald. Ihre Leistungskurse an der Edertalschule waren Chemie und Deutsch, die dritte schriftliche Prüfung hat sie in Mathe gemacht. Mündlich wurde sie in katholischer Religion geprüft, und sie hat eine besondere Lernleistung in „Jugend forscht“ erbracht. Nach dem Abitur möchte sie in Marburg Chemie studieren. Ihre Hobbys sind Volleyball im TSV Frankenberg, Gardetanz bei den Burgwaldnarren und Gesang im Chor Happiness in Burgwald.
Text und Foto: Jörg Paulus

