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Freiwillig in den Krieg gezogen (HNA, 21.09.2019)

Lehrerseminar weihte vor 100 Jahren Gedenkstein ein

2019 09 21 Freiwillig in den Krieg gezogen ORGAm 10. September 1919 versammelte sich eine große Trauergemeinde, darunter viele Eltern und Angehörige, an dem Gedenkstein aus Grauwacke, mit dem das Frankenberger Lehrerseminar, heute Gebäude der Edertalschule, „seine im Weltkrieg gefallenen Helden“ ehren wollte. Es waren, wie wir heute wissen, mindestens 68 umgekommene Frankenberger Seminaristen und ein Lehrer zu beklagen, von insgesamt etwa 700 gefallenen Lehrern in ganz Nordhessen. Die ersten Seminarabsolventen waren im August 1914 schon kurz nach der Mobilmachung in den Krieg gezogen, Ende August folgte ein zweiter Schwung von 40 jungen Freiwilligen aus Frankenberg. Wie systematisch, aus heutiger Sicht unverantwortlich leichtfertig diese jungen „Vaterlandsverteidiger“ auf Töten und Sterben vorbereitet wurden, zeigen Berichte über die Ausbildung der „Jugendwehr“ und Fotos, auf denen schon die jüngeren „Präparanden“ (Vorzubereitenden) mit ihren Schülermützen unter Anleitung alter Veteranen am Goßberg beim Kampf „mit heiliger Begeisterung zu sehen sind.

Die zurückbleibenden jüngeren Schüler hatten bei Kriegsbeginn 1914 die eilig examinierten Seminaristen mit Musik zum Bahnhof begleitet, wo Seminardirektor Georg Löwer „eine patriotische Ansprache, die mit einem brausenden Hoch der versammelten Menge auf die zukünftigen Vaterlandsverteidiger endete“, hielt. Nun, ein Jahr nach Ende des furchtbaren Weltkriegs mit insgesamt 17 Millionen Toten aus 40 beteiligten Staaten, fiel Löwer an diesem Gedenkstein das Reden nicht mehr so leicht. „Ist ihr Opfer vergeblich?“ fragte er. „Zwar ist das deutsche Kaisertum gefallen, dessen Glanz 50 Jahre gewährt hatte, aber das Vaterland blieb. An dessen Aufbau zu arbeiten, ist Pflicht, den Toten gegenüber der einzige Dank“, zitiert ihn die Frankenberger Zeitung vom 13. September 1919. Seminaristen sagten Gedichte auf, ein Vater hielt einen Nachruf auf seinen Sohn. Ein „Gedenkbuch“, das im Lehrerseminar bis zum Ende des Krieges geführt worden ist und heute im Stadtarchiv Frankenberg liegt, enthält die Namen und Todesumstände von 69 Gefallenen der Seminarjahrgänge 1911-1917 und der Präparandenanstalt 1912-1915, darunter auch der Königliche Präparandenlehrer August Schultheiß, gefallen in Galizien. Jedem Toten wurde eine eigene Seite mit Daten gewidmet. Am 10. September 1919 setzte das Lehrerseminar seinen Kriegsopfern einen Gedenkstein, Holztafeln mit Namen wurden im Inneren des Schulgebäudes aufgehängt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Tafeln wegen ihrer unkritischen „Heldentod“- Verbrämung auf Drängen von Lehrern und Schülern zunächst umgehängt, schließlich ganz entfernt.