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Fontane, Sex und Netflix (HNA, 03.05.2019)

LITERARISCHER FRÜHLING:  Hochliteratur für Schüler übersetzt

fontane Sex 030519Schlafen bezeichnete er als seine Lieblingsbeschäftigung, die Schreibstube als seinen Lieblingsort. Und die Fehler, die er am leichtesten verzeihen könne, das seien seine eigenen. Theodor Fontane, der große deutsche Romanautor des 19. Jahrhunderts, gab sich humorvoll und selbstironisch in den Antworten zu Fragen einer zeitgenössischen Zeitung. Mit dem Vorlesen dieses Fragebogens punkteten die Literaturkritiker Denis Scheck (Deutschlandfunk, ARD) und Anne-Dore Krohn (Kulturradio RBB) in ihrer Fontane-Revue am Donnerstagvormittag bei rund 130 Schülern der Edertalschule im Hotel Die Sonne. Die beiden Literaturexperten haben zu Fontanes 200. Geburtstag eine unterhaltsame Präsentation über den Schriftsteller (1819 bis 1898) zusammengestellt, die sie das Jahr über an verschiedenen Orten aufführen, wie jetzt beim Literarischen Frühling.

Auf ihre Eingangsfrage, wer von den 17- bis 18-Jährigen etwas von Fontane gelesen habe, meldeten sich nur wenige. Kurzerhand variierten Krohn und Scheck ihre Präsentation, die sie am Vortag bereits auf Schloss Friedrichstein in Bad Wildungen vorgetragen hatten, und stellten Bezüge zum heutigen Leben in den Mittelpunkt „Fontane würde heute für Netflix schreiben“, sagte Anne-Dore Krohn. Seine Romane erschienen zunächst abschnittsweise in Zeitungen, da sei der Spannungsbogen wie bei Serien. Denis Scheck weckte Interesse für Fontanes wohl berühmtesten Roman, den über die Ehebrecherin „Effi Briest“, indem er beschrieb, wie versteckt und fein Fontane Sex-Szenen andeutet. „Sex, Drogen und Rock’n’Roll“, das gelte auch für den Erzähler aus dem 19. Jahrhundert, der zwei uneheliche Söhne hatte, sich als gelernter Apotheker wohl Aufputschmittel zusammenbraute und der einer der ersten deutschen Schriftsteller war, der vom Schreiben leben konnte, allerdings mit viel Mühe. Berühmt war er schon in seiner Zeit: für seine Beschreibung von Schlachten. Damit ließ sich Geld verdienen. „Fake News“, vorgetäuschte Nachrichten, die verwendete auch Fontane schon. Der Journalist erfand einiges dazu. Zum Beispiel hat er laut Krohn in seinem Bericht über  den großen Brand von London 1861 aus englischen Zeitungen abgeschrieben und seinen Bericht mit ausgedachten Details garniert. Scheck betonte, wie modern der Autor war: „Er beschreibt die bestimmenden Kräfte seine Zeit“. Themen waren der Moralkodex, die Globalisierung und auch Technik. „Fontane nutzte in den 1890er-Jahren das Telefon. Damals gab es in ganz Deutschland vielleicht 1500 Apparate“, erläuterte der Literaturkritiker. Die Schüler, denen die Veranstalter des Literaturfestivals freien Eintritt gewährten, hörten aufmerksam zu und spendeten viel Applaus. Danach unterhielten sich einige noch in Grüppchen. „Das war echt interessant“. „Schade, dass ich noch gar nichts von Fontane gelesen habe“, lauteten einige ihrer Kommentare.